Zwischenfälle - Hörgeschichte auf Radio Z

Zwischenfälle – Hörgeschichte auf Radio Z

Sendefrequenz 95,8 MHz im Raum Nürnberg

oder jederzeit abrufbar als podcast.

„Die beunruhigende Aktualität der Vergangenheit“ – eine neue Radiosendung im Stoffwechsel auf RADIO Z, dem freien Radiosender in Nürnberg.
In kurzen, und wie wir meinen, kurzweiligen Beiträgen stellen wir Geschehnisse und Persönlichkeiten der Zeitgeschichte vor, bestenfalls mit Originaltönen und natürlich häufig aus dem Bereich der Frauengeschichte!
Darüber hinaus werden wir von widerständigen Ereignissen (auch aus weiter zurück liegenden Jahrhunderten) berichten.
Unsere Geschichtssendung ist keine unparteiische, sondern wir diskutieren Herrschafts- und Klassenverhältnisse, die Geschlechterbeziehungen oder Konstruktionen hegemonialer Männlichkeiten.

Redaktionsteam: Nadja Bennewitz & Michael Liebler

Die Sendung läuft jeden 1. Freitag im Monat um 17.00h.

Folgende  „Zwischenfälle“ wurden bereits gesendet und können als podcast gehört oder abgerufen werden. Bitte klicken Sie auf den jeweiligen Sendetitel!


Die französische Gouvernante Louise Meynier (1766-1856)

Es waren geflüchtete Französinnen, die sogenannten Hugenottinnen, die in Erlangen gefragte Lehrerinnen für Französisch und höhere Bildung waren. Dadurch kamen diese berufstätigen Erzieherinnen schließlich in Konflikt mit dem bürgerlichen Frauenbild, das zwar Damen mit guten Manieren vorsah, aber keineswegs „gelehrte Frauenzimmer“! Die Erlanger Hugenottinnen im 18. Jahrhundert  waren berühmt für ihre Erziehungsarbeit als Gouvernanten. In ganz Deutschland waren sie weithin gefragt für die Erziehung der adligen Mädchen und später auch der Töchter des höheren Bildungsbürgertums. Ihre Kenntnisse der französischen Sprache und Konversationsmethoden, sowie der französischen Literatur prädestinierten sie als Lehrerinnen. „Interkulturelle Erziehung“ wird heute in der Geschichtsforschung diese Erziehungsform durch französische Gouvernanten genannt, die damit den Zeitgenossinnen gleichzeitig den Zugang zu einer als höherwertig erachteten Kultur eröffneten. In dieser Sendung begegnen wir Louise Meynier, einer Erlangerin mit Migrationshintergrund an der Schwelle zur Moderne.

Klassenbewusste Frauenspersonen

Wir erzählen die Geschichte der proletarischen Frauen- und Streikbewegung in Nürnberg. Trotz Verboten, Überwachung und Repression organisierten sich Arbeiterinnen und kämpften für Gleichheit, Gerechtigkeit und gegen kapitalistische Ausbeutung in einer patriarchalen Gesellschaft. In Deutschland waren Frauen bis 1908 so recht­los, dass sie nicht einmal an politischen Versammlun­gen teilnehmen durf­ten. Arbeiterinnen waren von Überwachung und Strafen bedroht, wollten sie sich als Sozialistinnen organisieren. Bei Streiks sahen sie sich nicht selten Gen­darmen ge­gen­über, die mit Sä­beln und Schuss­waf­fen aus­ge­rüs­tet waren – und diese natürlich auch ein­setzten. So geschehen z.B. 1906 an der Regensburger Straße in Nürnberg, wie in unserem Beitrag zu hören. Dennoch ließen sich Nürnberger Arbeiterinnen nicht einschüchtern.

„Ich habe mit drei Spartakisten in einer WG gewohnt“ – Berufsverbote in der BRD

3,5 Millionen Menschen wurden zwischen 1972 und 1985 im Rahmen der sogenannten Regelanfrage auf ihre Gesinnung überprüft. Weit über 1000 Personen wurde in der Konsequenz die staatliche Anstellung verweigert. Der sogenannte Radikalenerlass traf auch Angela Rauscher, die die Protagonistin dieser Folge der Zwischenfälle ist. Bis in die 1980er Jahre gab es die sogenannte Regelanfrage, Anfragen staatlicher Behörden an den Verfassungsschutz über die politischen Aktivitäten der BewerberInnen auf staatliche Arbeitsstellen. Mit dem Radikalenerlass von 1972 erfolgten Millionen solcher Anfragen, mindestens 1000 Menschen wurden aufgrund der Ergebnisse dieser Anfragen abgelehnt. Zu Wort kommt Angela Rauscher, eine der – zumindest anfänglich – vom Radikalenerlass Betroffenen.

Verschleppt von PartisanInnen? – Rechte Geschichtsdeutung in Kärnten

Wie Kärntner „Traditionspflege“ die Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus zu Tätern erklärt und den Naziterror verharmlost. Unsere Geschichtssendung Zwischenfälle führt uns heute nach Klagenfurth in Kärnten. In dem österreichischen Bundesland finden sich zahlreiche Ehrenmale, durch die die Gräuel des Nationalsozialismus verharmlost und relativiert werden und der Widerstand von Kärntner PartisanInnen und der jugoslawischen Partisanenarmee verunglimpft werden soll. Die Zwischenfälle auf Spurensuche in Klagenfurth nach den noch immer dominanten, rechten Deutungsmustern der Vergangenheit.

„Meinten Sie vielleicht, wir sollten einen Mann nehmen? Davor behüt’ uns Gott!“ – Eine Äbtissin in der Reformation

Lange hielt sich die Vorstellung, die Kirchenreform Martin Luthers habe eine „Befreiung der Klosterfrauen aus ihrem klösterlichen Kerker“ bewirkt. Die Beschäftigung mit der streitbaren Äbtissin Caritas Pirckheimer aus Nürnberg zeigt, dass der Eintritt in die klösterliche Frauengemeinschaft auch als alternativer Lebensentwurf empfunden werden konnte. Umbruchszeit Reformation: Unter 1000 Nonnen sei kaum eine, „die mit Lust ungezwungen ihren Orden trage“, so mutmaßte Martin Luther. Tatsächlich lösten sich im Verlauf der Reformation zahlreiche Konvente auf oder Nonnen flohen aus ihrem Kloster. Doch entgegen der lange gültigen Vorstellung, die Kirchenreform Martin Luthers habe eine „Befreiung der Klosterfrauen aus ihrem klösterlichen Kerker“ bewirkt, zeigt ein Beispiel aus Nürnberg eine andere historische Realität: Die humanistisch gebildete und eloquente Äbtissin Caritas Pirckheimer (1467-1532) trat mit den Theologen ihrer Zeit in eine Diskussion und forderte für sich und ihren Konvent das Recht auf ihre klösterliche Frauengemeinschaft ein. Ein Leben nach den reformatorischen Vorstellungen als Ehefrau und Mutter war nicht im Sinne  dieser gelehrten Nonne.

Dann waren die Lager aus dem Gedächtnis entschwunden

AugenzeugInnen erinnern sich an ein Zwangsarbeitslager von Siemens in der Nürnberger Gartenstadt Drei Menschen aus der Nürnberger Gartenstadt, die in den 1940er Jahren zwischen 7 und 15 Jahre alt waren, erinnern sich bruchstückhaft an ein Lager, in dem mal Männer, mal Frauen aus anderen Ländern inhaftiert waren und die jeden Morgen in Kolonnen zur Arbeit marschieren mussten. Sie selbst lebten in direkter Nachbarschaft zu den Baracken, doch der Kontakt zu den dortigen Insassinnen und Insassen war ihnen untersagt – das war allen bekannt. Bekannt war auch der deutsche Lagerleiter und bekannt war: Die Menschen aus sämtlichen europäischen Länder leisteten Zwangsarbeit für die deutsche Rüstungsindustrie. Dennoch sind diese Zwangsarbeitslager in der deutschen Gesellschaft in Vergessenheit geraten. Die Zwischenfälle erinnern an eines von 100 Lagern, das sich in der Nürnberger Gartenstadt befand.

Frauen in die Räte! – Der Rätekongress 1919 in München

Am 2. Rätekongress in München vom 25. Februar bis zum März 1919 nahmen 300 Delegierte teil, nur acht von ihnen waren Frauen. Einige von ihnen stießen spannende Diskussionen an über die Rolle der Frauen bei den grundlegenden gesellschaftlichen Umwälzungen, die man glaubte, erreichen zu können. Die gesellschaftlichen Verhältnisse mussten sich grundlegend ändern. Davon waren diejenigen überzeugt, die 1918/19 in Bayern für eine Räterepublik kämpften. Wie sollte man einen Sozialismus aufbauen, wie konnte man Gleichheit und Freiheit für alle erreichen? Über diese Fragen wurde heftig gestritten. Eine wichtige Frage war auch die der Gleichberechtigung der Frauen, die bis zur Revolution ja nicht einmal wählen durften. Der 2. Rätekongress, der vom 25. Februar bis zum 8. März 1919 in München tagte, stritt heftig über diese Fragen. Bisher wenig bekannt war die wichtige Rolle, die die Frauen auf diesem Kongress spielten. In den Kongressprotokollen finden sich spannende Diskussionen, die von den wenigen Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts dort angestoßen wurden. Sie haben das Wort in unserem Beitrag.

„Würden Barrikaden gebaut – ich wäre der erste, der sich daraufstellte“

Vor 100 Jahren war Revolution in Baiern. Kurze Zeit bestand sogar eine Räterepublik, an die sich die Hoffnung auf eine grundlegende Änderung der Verhältnisse knüpfte. Eine szenische Lesung in 5 Akten. Revolutionen sind, nach Karl Marx, die Lokomotiven der Geschichte. Dies gilt entgegen allem Anschein auch für die bairische Revolution von 1918/19, die eine vier Wochen bestehende Räterepublik hervorbrachte und schließlich unter dem Terror der weißen Garden zerbrach. Der Beitrag ist ein Mitschnitt einer szenische Lesung vom 7. Mai 2019 in der Stadtbibliothek Erlangen. Zeitgenössische LiteratInnen und RevolutionärInnen kommen zu Wort. Texte von Georg Heym, Ret Marut, Hilde Kramer, Ernst Toller, Jakob van Hoddis, Oskar Maria Graf, Heinrich Mann, Lida Gustava Heymann, Erich Mühsam, Rosa Leviné und Toni Sender lassen eine Zeit lebendig werden, in der die Menschen von der Hoffnung auf eine grundlegende Veränderung mitgerissen wurden.

„Ich marschier’ net, sondern ich latsch“ – Das renitente Mädchen Rosa Degenhardt, geboren 1929

Rosa Degenhardt ist eine reflektierte Zeitgenossin. Geboren 1929 in Nürnberg, verbrachte sie auch ihre Jugendzeit in der „Stadt der Reichsparteitage“. Weder eine Heldin des Widerstands, noch eine Mitläuferin, war sie doch ein renitentes Mädchen. 

Rosa Degenhardt spricht über ihre Beobachtungen und Erlebnisse in der NS-Zeit, über die Menschen in ihrer Umgebung, in der Schule, in der Nachbarschaft. Das Interview wurde bereits 2004 geführt und es ist erschreckend, wie aktuell ihre damaligen Äußerungen über die heutigen Nazis noch immer sind. 2019 ist Rosa Degenhardt verstorben.

Helene Grünberg, eine Amazone der Gewerkschaftsbewegung

Helene Grünberg wurde 1905 im Nürnberger Gewerkschaftskartell angestellt. Die gelernte Schneiderin stieg bald zur führenden Vertreterin der proletarischen Frauenbewegung in Süddeutschland auf. Sie engagierte sich gegen die Ausbeutung der Dienstboten und gehörte zu den ersten Frauen, die öffentlich als Rednerinnen auftraten. „Von den gewerkschaftlich führenden Genossinnen sei vor allem Genossin Grünberg erwähnt, die Arbeitersekretärin in Nürnberg ist.“ Mit diesen Worten hob Clara Zetkin bereits 1910 die Leistung der Gewerkschafterin Helene Grünberg hervor. Ihr war es gelungen Dienstmädchen, Wasch- und Putzfrauen zu organisieren, die bis dahin für die Gewerkschaftsbewegung nicht erreichbar waren. Sie war die erste bezahlte Gewerkschaftssekretärin, eine führenden Vertreterin der proletarischen Frauenbewegung, und genoss wie das Zitat Zetkins zeigt, zu ihrer Zeit höchste Anerkennung. Doch kein Denkmal, keine Tafel erinnert in Nürnberg an sie, nur eine kleine Sackgasse trägt ihren Namen. Empörend und bezeichnend finden dass engagierte Frauengruppen. Frauen bei ver.di und die Gruppe „Feministische Perspektiven“ engagieren sich für die Erinnerung an Helene Grünberg.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist bertha_kipfmuller-1.jpg__200x200_q85_subsampling-2-1.jpgBertha Kipfmüller, die „Frauenrechtlerin des Frankenlandes“

Bertha Kipfmüller war eine bedeutende Vertreterin der bürgerlichen Frauenbewegung Bayerns und war an ihrem Wirkungsort Nürnberg sicherlich die einzige Radikale unter den Frauenbewegten. 1899 promovierte sie als erste Frau Bayerns, weshalb sie darauf bestand, mit „Fräulein Doktor“ angesprochen zu werden, denn: „Jede Schneegans nennt sich in Bayern Frau Doktor – nur weil der Mann es ist!“ Schon zu Lebzeiten wurde sie die „Frauenrechtlerin des Frankenlandes“ genannt. Mit spitzzüngiger Feder verfasste sie Zeitungsartikel, hielt Reden und hinterließ umfangreiche Tagebuchaufzeichnungen. Pointiert und süffisant kommentierte sie die Zeitläufte und männliche Eitelkeiten.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist emetteur2.jpg__200x200_q85_subsampling-2.jpgDas Radio täglich neu erfinden

Von einem besetzten Strommast sendete erstmals Radio Verte Fessenheim, der Vorläufer des ältesten Freien Radios der BRD, Radio Dreyeckland. Auch in Erlangen gab es Anfang der 80iger Jahre den Piratensender „Querfunk“. Wie aus den PiratInnen im Äther die Freien Radios entstanden erzählen in dieser Sendung von 1999 die an den Ereignissen Beteiligten. Die Geschichte Freier Radios in Deutschland beginnt in Frankreich. 1977 besetzen Anti-AKW-AktivistInnen einen Strommast und installieren dort einen Radio-Sender. Radio Verte Fessenheim ist der Vorläufer des ältesten Freien Radios der BRD, Radio Dreyeckland. In den 80er Jahren schießen die Piratensender überall wie die Pilze aus dem Boden. Auch in Erlangen geht der Querfunk illegal auf Sendung. Mit Hubschraubern sucht die Polizei nach den Äthertätern und macht Jagd auf größere Fahrzeuge, in denen sie die Sender fälschlicherweise vermutet. Die Sendung „Das Radio täglich neu erfinden“ stammt aus dem Jahre 1999. Sie enthält Aufzeichnungen aus der Vor- und Frühgeschichte Freier Radios, in der „für die Bewegung und aus der Bewegung heraus“ gesendet wurden und O-Töne aus Interviews mit Radio-PionierInnen.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist minenarbeiterstreik-1906-ausschnitt.jpg__200x200_q85_subsampling-2.jpgStreik

Ohne Streik geht nix. Diese Erfahrung machte die ArbeiterInnenbewegung in ihrer Geschichte. Über streikende Handwerkergesellen, die ersten Gewerkschaften und rebellische HafenarbeiterInnen in Hamburg. Schon im alten Ägypten streikten Arbeiter, die die Pharaonengräber errichten mussten. Streiks von Handwerkergesellen sind erstmals für das 14. Jahrhundert belegt. Im 18. Jahrhundert sind in Deutschland bereits 500 Gesellenstreiks nachgewiesen, vor allem zur Zeit der Französischen Revolution. In den Anfängen der Industrialisierung werden die Organisations-Erfahrungen im Handwerk von der ArbeiterInnenbewegung aufgegriffen, denn die ehemaligen Handwerker finden nun Arbeit in den Fabriken. Sie sind stolz auf ihre Berufstradition. Die kapitalistischen Arbeitsverhältnisse und -bedingungen empfinden sie als degradierend und als Einschränkung ihrer Freiheitsrechte. Ihre qualifizierte Arbeit wird abgewertet und in der maschinellen Fertigung zerstückelt. Die Abhängigkeit, die früher durch den Aufstieg zum Meister enden konnte, soll nun lebenslang fortbestehen. Gegen die oft drückende Not, gegen Arbeitszeiten bis zu 17 Stunden und die Willkür der Unternehmer wehren sie sich mit ihrer stärksten Waffe: Dem Streik.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist ludwig_binder_haus_der_geschichte_studentenrevolte_1968_2001_03_02750146_16890401030.jpg__200x200_q85_subsampling-2.jpgDas Private ist politisch – die 68erinnen

Die 68er – das waren nicht die wenigen medial inszenierten männliche Idole – der Revolutionär oder der thereotische Vordenker. Die 68er waren erstmals in der bundesdeutschen Geschichte eine Generation, die Frauen wie Männer gleichermaßen erfasste und in das politische Geschehen rückte. Von einer echten Revolution war die BRD 1968 – anders als in Frankreich der Fall – zwar weit entfernt. Dennoch bedeutet diese Zeit in vieler Hinsicht einen neuen Aufbruch. So auch für die Frauenenbewegung. Viele Frauen blieben zunächst im Hintergrund, weil sie nicht das Wort in der Öffentlichkeit ergriffen oder aktiv mitdiskutierten, weil zunächst zwar von Klassenkampf und Imperialismus die Rede war, nicht jedoch vom allgegenwärtigen Patriarchat. Doch schließlich begannen sie schließlich eine „Revolte innerhalb der Revolte“.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist 100_7988.jpeg__200x200_q85_subsampling-2.jpgDer Streik der Glasperlenzieherinnen von Venedig

Das Glasperlenziehen gehörte noch Anfang des 20. Jahrhunderts zum Stadtbild Venedigs. Frauen saßen auf den Gassen mit Körben voller Perlen, die sie auf Fäden aufzogen. Die „Zwischenfälle“ berichten über das harte Leben und den Kampf der ArbeiterInnen in Venedig. „Die meisten Frauen bringen es für den Tag kaum auf einen halben Papierfranken, und die kirchlichen Fastengesetze sind ihnen gegenüber leider völlig überflüssig. Selbst die Polenta, jenes frugale italienische Nationalgericht, ist für sie nur ein Sonntagsmahl; in der Woche hat ihnen der Himmel den Tisch nur mit Feldrüben gedeckt, wie man sie in den Gassen Venedigs auf offenem Herd zu ganzen Bergen kochen und an Ort und Stelle verzehren sieht. Und doch bereiten diese Leutchen der Welt so vieles Vergnügen! – Aber ein altdeutsches Volkswort sagt schon: ‚Dem Einen die Mühe, Dem Andern die Brühe!'“ So berichtete Theodor Gampel 1880 über die Produktion von Glasperlen in Venedig. 1904 platzte den venezianischen Glasperlenzieherinnen schließlich der Kragen. Es kam zum Streik.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist abamagal-auschnitt.png__200x200_q85_subsampling-2-1.jpgCarlo Abbamagal – ein Afrikaner in der italienischen Resistenza

Carlo Abbamagal beteiligte sich neben anderen Äthiopiern am Kampf gegen den Faschismus in der italienischen Resistenza. Die Zwischenfälle zeichnen seine Geschichte nach. Die italienische Resistenza war vielfältig. Es kämpften dort Frauen und Männer verschiedenster Schichten, aber auch unterschiedlicher Herkunft. Wenig bekannt ist, dass sich den Partisanen auch Menschen aus Afrika angeschlossen haben. In unserem Beitrag aus der historischen Reihe „Zwischenfälle“ wird heute die Geschichte einer Gruppe nach Italien verschleppter Äthiopier erzählt, die sich befreien konnten und sich einem Partisanen-Bataillon in den Marken anschlossen. Einer von ihnen: Carlo Abbamagal. Er schloss sich der Banda Roti an, eine der ersten Partisanen-Formationen Italiens, die an den Hängen des Monte San Vicino, in der Provinz Macerata gegen die Faschisten kämpften.

Renitente Nonnen des Mittelalters

An der Schwelle vom 15. zum 16. Jahrhundert legen Nonnen unerwartete Renitenz an den Tag: Eine Reform und strenge Klausurvorschriften wollen sie sich nicht gefallen lassen! Es kommt gar zu Handgreiflichkeiten. Zwar innerhalb kirchlicher Hierarchien stellten im Mittelalter die Frauenklöster eine der wenigen Möglichkeiten für Frauen – in der Regel aus den höheren Schichten – dar, sich selbst zu verwalten und Bildung zu erlangen. Die Geschichte des Dominikanerinnenklosters St. Katharina in Nürnberg zeigt, dass sich Nonnen durchaus zu Wehr setzten gegen Disziplinierungsversuche – manchmal mit Erfolg.

„Ins Räderwerk des Nationalsozialismus geraten“

Zur Zeit der Machtergreifung der Nationalsozialisten war Eva Rössner 7 Jahre alt. Hausdurchsuchungen, Überwachung, Zwangsscheidung der Eltern und Deportation der Verwandten prägten den Alltag des Mädchens. Eva Rössner, geb. 1926, stammte aus einer Arbeiterfamilie und wuchs in der Nürnberger Südstadt auf. Ihre Eltern waren kommunistische Oppositionelle. Der Vater Walter Jakob, zudem jüdischer Herkunft, stand sofort im Fokus der nationalsozialistischen Verfolgung und musste ins Exil. Ihre Mutter Margarethe wurde daraufhin verhaftet und kam als Geisel „für den Juden Jakob“ in Schutzhaft ins Frauengefängnis Aichach. Eva wuchs mit ihrem jüngeren Bruder als „Halbjüdin“ bei den Großeltern mütterlicherseits auf. Hausdurchsuchungen, Überwachung, Zwangsscheidung der Eltern und Deportation der Verwandten prägten den Alltag des Mädchens. Eva Rößner verstarb 2020.

Aufstand im Wackerland

Den Bau der WAA Wackersdorf wollte der Staat in den 1980er Jahren mit aller Macht „durchdrücken“. Doch die Atommüllfabrik scheiterte am massiven Widerstand der Oberpfälzer Bevölkerung und der Solidarität einer bundesweiten Anti-Atom-Bewegung. Gegen den Plan eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage im Kreis Lüchow-Dannenberg zu errichten, kommt es zu unerwartet heftigem Widerstand der Bevölkerung. 1980/81 verdichten sich die Gerüchte, dass die Oberpfalz als neuer Standort vorgesehen ist. Franz-Josef Strauß verspricht der Atomindustrie das Blaue vom Himmel herunter, um die WAA nach Bayern zu holen. Den OberpfälzerInnen werden Arbeitsplätze versprochen und man rechnet nicht mit erheblichem Gegenwind. Doch schon bald entstehen zahlreiche Bürgerinitiativen, AktivistInnen der Anti-AKW-Bewegung und der Autonomen beteiligen sich an den Protesten.  Als 1985 die Rodung des Taxölderner Forsts bei Wackersdorf beginnt, wo die Atommüllfabrik errichtet werden soll, wird der Bauplatz besetzt. Die Beteiligten der Kämpfe um die WAA kommen in unserem Feature zu Wort.

Konsequent, politisch, sozial: Die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky

Margarete Schütte-Lihotzky war die erste weibliche Architektin Österreichs. Ihr Schaffen war von sozialen Gesichtspunkten geprägt, sie forderte ein „Grundrecht auf menschenwürdiges Wohnen für alle“ und schloss sich dem kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus an. Margarete Schütte-Lihotzky wurde 1897 geboren und erwarb als erste Frau Österreich ein Diplom als Architektin. Bereits als Studentin erhielt sie einen Preis für den Entwurf einer ArbeiterInnenwohnung. Für ihre Arbeit hatte sie sich die elenden  Wohn-Verhältnisse der Wiener ArbeiterInnenklasse mit eigenen Augen angesehen. Dies prägte nachhaltig den sozialen Blick, den ihr Lebenswerk kennzeichnet. So forderte sie ein „Grundrecht auf menschenwürdiges Wohnen für alle“. In ihren Arbeiten war sie Pragmatikerin. Eine Ästhetisierung der Armut lehnte sie ab und orientierte sich vielmehr an den praktischen Bedürfnissen derjenigen, für die sie ihre Tätigkeit als Architektin ausübte. Sich dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus anzuschließen galt ihr 1940 als Selbstverständlichkeit. Sie hätte es beinahe – wie andere aus ihrer kommunistischen Zelle – mit dem Leben bezahlt und entkam dem Todesurteil nur durch einen Trick. Wegen ihrer Mitgliedschaft in der KPÖ erhielt sie – trotz internationaler Anerkennung – kaum öffentliche Aufträge. Erst in den 1970er Jahren erhielt sie auch in ihrem Heimatland die ihr zukommende Aufmerksamkeit für ein bemerkenswertes Lebenswerk.

Suffragetten und berufslose Agitatorinnen? Kampf ums Frauenstimmrecht!

Über den langen und harten Kampf für das Stimmrecht für Frauen. Von der „Erklärung der Rechte der Frauen und Bürgerinnen“ durch Olympe de Gouges bis zur Durchsetzung des Wahlrechts für Frauen durch die Revolution 1918 „Suffragetten“, „berufslose Agitatorinnen“, „hysterische Weiber, die an die Kette gelegt werden sollten“. Das sind nur einige der Bezeichnungen für die Frauen, die sich im 19. und 20. Jahrhundert gegen alle Verbote und gesetzlichen Maßnahmen organisierten und für ihre Rechte eintraten. Wir zeichnen diesen Kampf in den Zwischenfällen nach und lassen die Akteurinnen zu Wort kommen.

Rote Radisten – Die Arbeiterradiobewegung der Weimarer Republik

Eigene Radiosender oder wenigstens die Beteiligung am Rundfunkprogramm forderte die Arbeiterradiobewegung der 1920er Jahre. Doch bei der Geburt des staatlich kontrollierten Weimarer Rundfunks hatte die Angst vor den revolutionären Massen Pate gestanden. Das neue Medium Rundfunk begeisterte die Menschen Mitte der 20er Jahre. Sozialdemokratische und kommunistische Arbeiter schlossen sich im Arbeiter-Radio-Klub Deutschland zusammen, bastelten sich selbst Empfänger, weil sich ArbeiterInnen die teuren Geräte nicht leisten konnten, und stellten politische Forderungen. Doch Reichspost und Innenministerium sorgten für strenge Kontrolle und Zensur und schlossen vor allem Kommunisten konsequent vom Rundfunk aus. Die Arbeiterradiobewegung entwickelte eine lebendige Kultur der Kritik, bis die Nationalsozialisten den Rundfunk mühelos und im Handstreich zu ihrem eigenen Propagandainstrument umfunktionierten.

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Die „Heinze-Frauen“ – Ein erfolgreicher Kampf um gleichen Lohn

Gelsenkirchen, 1979: In einer Dunkelkammer entsteht der Plan der Arbeiterinnen beim Fotolabor-Betrieb Heinze sich gegen Lohndiskriminierung zur Wehr zu setzen und gleichen Lohn für Männer und Frauen durchzusetzen. Mehr als zwei Jahre währte ihr Kampf, der bundesweit Aufmerksamkeit erregte und eine Welle der Solidarität auslöste. „Keiner schiebt uns weg“. Dieses Lied, das die „Heinze-Frauen“ sangen und dem immer neue Strophen hinzugefügt wurden, wurde in der ganzen Republik zur Hymne eines Kampfes für Gleichheit zwischen Frauen und Männern. Der Fotolabor-Betrieb Heinze zahlte Männern 1,50 DM mehr Lohn. Damit verstieß er zwar gegen den geltenden Grundsatz „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“, doch es bedurfte eines zweijährigen Kampfes der Arbeiterinnen bei Heinze, bis die Lohndiskriminierung beseitigt war. Mit einem Blick zurück auf die Geschichte von Frauenarbeit und ihre gesellschaftliche Beurteilung gehen wir diesen Auseinandersetzungen der Heinze-Frauen nach.

Die Höhlendruckerei

1933 übernehmen Ludwig Göhring, Kuni Schumann-Schwab und Hannes Pickel die Aufgabe, im Raum Nürnberg für die illegale KPD eine Zeitung zu produzieren. Eine Höhle in der fränkischen Schweiz wird für kurze Zeit zur „Untergrund“-Druckerei. Dann holt der Terror der Nazis die jungen Leute ein. Der junge Nürnberger Ludwig Göhring musste  lange Jahre ins Konzentrationslager.

So, jetzt bin ich da – der Widerstand der Kuni Schwab

Die Nürnberger Kommunistin und Friedensaktivistin Kuni Schwab arbeitete als junge Frau 1933 für die illegale KPD und wurde schließlich verhaftet und verurteilt. Doch auch nach ihrer Freilassung blieb sie weiterhin als Antifaschistin aktiv. In der zweite Ausgabe der Serie „Zwischenfälle“, die gegenläufige Erinnerungen wachrufen und Geschichte aus einem ungewohnten Blickwinkel erzählen will, begegnen wir einer Bekannten aus der letzten Folge wieder: Kuni Schwab ist manchen älteren Nürnbergern keine Unbekannte und wird auf Wikipedia mit dem Ausspruch zitiert: „Ich wusste nicht, dass man für ein anständiges Leben einen Preis bekommt“. Mit diesem Satz kommentierte sie 1994 einen Preis, den sie „für herausragendes Engagement zur Wahrung menschenwürdiger Lebensumstände“ erhielt. Was die Nürnberger Kommunistin und Friedensaktivistin riskierte, um ein „anständiges Leben“ zu führen, darum geht es im Beitrag  – und im O-Ton von Kuni Schwab selbst.

Hannah Höch, die Grand Dame des DADA

Sie war eine der interessantesten Künstlerinnen der klassischen Moderne: Die Malerin, Fotomonteurin und Collagistin Hannah Höch. Dass nicht erst die 1920er Jahre „wild“ waren, das weiß, wer sich schon mal mit Dadaismus beschäftigt hat, einer rebellischen Kunstform, die mitten im Ersten Weltkrieg entstand und sich nicht nur gegen den Krieg, sondern gegen die bürgerliche Gesellschaft als solche richete. Unter anderem um Dada geht es in unseren heutigen Zwischenfällen. Vor allem aber geht es um Hannah Höch, die einzige Frau in den Anfängen der Berliner Dadaistenszene. Sie war Teil der antibürgerlichen Dada-Bewegung, die im Ersten Weltkrieg hervortrat und sich als Anti-Kunst verstand. Obwohl sich Hannah Höch künstlerisch ständig weiter entwickelte, hielt sie zeitlebens fest an dem ursprünglichen Dada-Konzept des Anti-Stils.

1795 bis 1847: Auf Krawall gebürstet

1795 bis 1847: Krawall, Hungerrevolte, Streik, Prekarität, Frauenmilitanz, Pöbel auf den Straßen, die Junirevolution, Facebook im Vormärz. 2017: Unruhen in Hamburg, Tumult beim Abschiebeversuch an der Berufsschule. Spazierengehen, Kaffeetrinken und plaudern mit der Zwischenfälle-Crew. 1830 hängen in Nürnberg immer wieder Zettel an der Stadtmauer. Es wird zum Aufruhr aufgerufen. Mit „Mord und Brandt“ wird gedroht, sollten Gewalt und Zwang nicht enden. 200 seien schon bewaffnet, heißt es. Die aufrührerischen Anschläge sind Ausgangspunkt für Nadja Bennewitz, Michael und Tim Liebler sich auf die Spurensuche zu machen. Was waren die Hintergründe für zahlreiche Unruhen in der Zeit des Vormärz? Gab es wirklich eine „Eyerkuchenrevolution“ in Nürnberg? Welche Rolle spielten Frauen bei „militanten Aktionen“? Und was ist von Berufsschülern zu halten, die mit Gewalt eine Abschiebung verhindern wollen? Herzlich willkommen zum Gespräch über diese Fragen und zum Ausflug in die Nürnberger Altstadt.