Frauenbildung, Kunst- und Zeitgeschichte in den Marken

Frauen – Widerstand – Kunst

in der Region Marken am Fuße des Apennin

So, 31.05.2019 (Anreise) – Sa, 06.06.2020 (Abreise)

Leitung: Nadja Bennewitz M.A., Historikerin

Zu Gast in der Locanda dell’Istrice, dem Gasthaus zum Stachelschwein, Camerino (Mc)

Widerständige Erinnerungslandschaften erkunden und faszinierende Ausblicke genießen, sich abends mit landestypischen Spezialitäten verwöhnen lassen und einen ganz individuellen Urlaub genießen – bei dieser Bildungsreise in die Marken mit Deinen Freundinnen hast Du dazu die Gelegenheit!

Fruchtbare Landschaft im Herzen Italiens

Blick von der Restaurantterasse der Locanda

Die Marken – das ist ein zauberhafter Landesteil in Mittelitalien, vom Tourismus weitgehend unberührt. Von manchen wird die Region augenzwinkernd die „Toskana für Arme“ genannt – denn obwohl kunst-, kultur- und selbst zeitgeschichtlich höchst bedeutsam, zeichnen sich die Marken glücklicherweise durch vollkommen unprätentiöse und bodenständige Menschen aus.

Sanfte Hügelwellen mit Getreidefeldern, Olivenhainen, Obstbäumen und Weinreben durchziehen die Landschaft an den Ausläufern des Apennins. Apropos Weinanbau: Hier werden noch traditionelle Rebsorten angebaut, so der fruchtige Verdicchio aus Matelica, ein unter KennerInnen geschätzter kraftvoller Weißwein.

 

Uraltes Kulturland

Der Blick von der Locanda auf die gegenüberliegenden Hügel

Von alten Hochkulturen besiedelt, lange bevor die Römer hier ansässig wurden, geriet die Region im Verlauf des Mittelalters unter den Einfluss (und die Knute) der Kirche. Archaisch anmutende romanische Basiliken, abgelegen und oft errichtet auf den Grundmauern heidnischer Tempel, legen von dieser Phase beredtes Zeugnis ab.

Die Kehrseite von Prachtentfaltung und kirchlichem Reichtum war das karge Dasein der Landbevölkerung und schließlich die Ausbeutung der Arbeiterschaft im Zuge der Industrialisierung. In der Papierstadt Fabriano, der Wiege der europäischen Papierproduktion, entstand durch das große Selbstbewusstsein der Arbeiterschaft schon früh ein politisches Bewusstsein und die Einsicht in eine gewerkschaftliche Organisierung.

Widerständige Geschichten

Eine Geschichte, die „uns“ angeht:

Das Denkmal für die erfolgreiche Befreiung italienischer Soldaten auf dem Weg an die Südfront

Im Zweiten Weltkrieg wurden die Marken durch die „Gotenlinie“ zwischen Pesaro und Carrara zum Kriegsschauplatz. Die Nationalsozialisten verübten zahlreiche Massaker an der Zivilbevölkerung, doch entwickelte sich auch hier wie in anderen Regionen Italiens gleich nach dem 8. September 1943 der Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besatzung.

So gelang den Partisanen in Albacina bei Fabriano die Befreiung vieler hundert junger Männer, die bereits im Zug an die italienische Südfront gegen die Alliierten unterwegs waren – eine der gelungensten Militäraktionen der Resistenza!

 

 

Gedenktafel für die Opfer des Massakers in Letegge und Capolapiaggia beim Rückzug der Deutschen am 24. Juni 1944

Bewaffneter und ziviler Widerstand haben gleichermaßen Menschenleben vor der Nazibarbarei gerettet. Der als heroisch und als männlich verstandene Kampf mit der Waffe konnte nur in Zusammenarbeit mit den Frauen und der Landbevölkerung funktionieren, die die Versorgung der Partisanen organisierten, Lebensmittelkarten fälschten, ihnen Informationen übermittelten und Waffen transportierten.

Weil die strategische Hafenstadt Ancona oft Ziel alliierter Luftangriffe wurde, verlegten die deutschen Besatzer ihren Schwerpunkt auf die Provinzhauptstadt Macerata. Obwohl es kaum möglich war, im kleinen Stadtzentrum offene Aktionen gegen die Deutschen durchzuführen, gelang es doch durch Spionage, konspirative Zeitschriften und Sabotageakte die Macht der Nationalsozialisten zu unterlaufen.

Das Denkmal für den Befreiungskampf in Fabriano

Die ehemalige Benediktinerabtei de Rotis – Standort der Partisanenformation bei Braccano

 

 

 

 

 

 

Erinnerungskultur

Inszenierung im neu eröffneten Museo della Resistenza in Braccano bei Matelica (Mc)

Es sind vielleicht unspektakuläre, doch widerständige Gedenkorte, die von den Erfolgen und Opfern des Partisanenkampfes gegen die Nazifaschisten in dieser Region berichten: Mal ist es ein „laizistisches Heiligtum“ auf dem Friedhof von Fabriano, in dem der Erschießung von Partisanen durch die Faschisten gedacht wird, mal die einsam gelegene „Loggia Baldini, in der ganze Familien von den Nazis ermordet wurden, mal eine Gedenktafel für den unorthodoxen und in der Bevölkerung hochangesehenen Ortspriester Don Enrico Pocognoni, der sich entgegen der offiziellen Haltung seiner profaschistischen katholischen Kirche dem Widerstand angeschlossen hatte. Diese regionalen Formen der Erinnerungskultur gilt es zu entdecken und zu diskutieren.

Die Resistenza und gelebte internationale Solidarität

Der somalische Partisan Thur Nur wurde bei dem von Deutschen angerichteten Massaker in Braccano erschossen.

Die internationale Zusammensetzung der Partisanenformationen war italienweit verbreitet – neben jungen Männern, die sich dem faschistischen Militär entziehen wollten, den ehemaligen Soldaten, die bereits militärische Kenntnisse hatten, kämpften geflüchtete Kriegsgefangene aus nahezu allen besetzten Gebieten mit in der Resistenza.

Eine Besonderheit in den Marken war es, dass auch afrikanische Männer (und im Hintergrund afrikanische Frauen) mit in den Partisanenbataillonen kämpften, die aus den italienischen Kolonien Äthiopien, Eritrea und Somalia stammten. Diese „Kolonisierten“ traten dadurch aus ihrer untergeordneten Position heraus und wurden Subjekte der Geschichte.

Die Gedenktafel für den äthiopischen Partisanen Carlo Abbamagal auf dem Friedhof San Severino Marche

 

Die „Banda Mario“ und Carlo Abbamagal

Zum Beispiel der äthiopische Partisan Carlo Abbamagal, der nach der Auflösung der rassistischen Völkerschau des italienischen Kolonialreiches in Neapel zusammen mit anderen afrikanischen Landsleuten nach Treia in die Marken verschleppt worden war. Von hier aus schloss er sich mit anderen der italienischen Resistenza an, um gegen Faschismus und nationalsozialistischen Terror zu kämpfen. Bei San Severino wurde er im Kampf getötet. Seit wenigen Jahren erinnert am dortigen Friedhof eine Gedenktafel an ihn.

Daran, dass afrikanische PartisanInnen in den Marken am antifaschistischen Kampf beteiligt waren, erinnert ein Radiobeitrag aus Freiburg nach dem rassistischen Anschlag in Macerata.

 

Darüberhinaus möchten wir die Begegnung mit aktiven AntifaschistInnen vor Ort ermöglichen und so einen Einblick in die Arbeit, die Forschung und die Initiativen des Gedenkens erhalten.

Kunstgespräche und Avantgarde in der Nachkriegszeit

Nori de Nobilis, Selbsporträt. Museo Nori de Nobili, Trecastelli (AN)

Ivo Panaggi, Bozzetto di costume, 1930. Palazzo Ricci, Macerata

Jenseits des touristischen mainstream beschäftigt sich ein feines Museum in der Nähe der Adriaküste exklusiv mit Künstlerinnen: Nori de’ Nobili (1902-1968) entrann dem bürgerlichen Leben und den patriarchalen Ansprüchen ihrer Gesellschaft durch Wahnsinn und fristete ihr Dasein während der faschistischen Diktatur und darüber hinaus in einer psychiatrischen Klinik. Verborgen hinter Mauern fand sie hier ihre eigene, sperrige Ausdrucksform – stark, farbig, realistisch. Kunstkritiker äußern, in ihren Gemälden zelebriere sie Panik, um ihre und gleichermaßen unsere Ängste zu vertreiben.

Auch in Macerata findet sich eine künstlerische Avantgarde, die man „in der Provinz“ nicht vermuten mag: Im Palazzo Buonaccorsi werden Werke des linken Futuristen Ivo Pannaggi (1894-1956) gezeigt, dessen geistiges Vermächtnis durch die Initiative der Galeristin Fiamma Vigo im sog. „zweiten Futurismus“ ein künstlerisches Aufatmen in der Nachkriegszeit ermöglichte.

Der Futurismus als die erste Avantgardebewegung des 20. Jahrhunderts entstand als Reaktion auf die elitäre, nostalgische Kultur, gebunden an die römische Antike und das 19. Jahrhundert. Der Futurismus verstand sich als eine umfassende Erneuerungsbewegung von italienischer Kunst, dessen Hauptvertreter Filippo Tommaso Marinetti (1876-1944) war.

Erst seit kurzer Zeit hat in Macerata auch der Palazzo Ricci seine Tore für die Öffentlichkeit geöffnet:

Hier findet sich ein breites Panorama moderner Kunst Italiens: Ausgehend vom Futurismus um Giacomo Balla und Fortunato Depero, über die Aeromalerei um Wladimiro Tulli, über das metaphysische Werk von Giorgio de Chirico, bis hin zur „Rückkehr zur Ordnung“ („ritorno all’ordine), einer dezidiert faschistisch ausgerichteten Kunstrichtung, die insbesondere von der jüdischen Kunstkritikerin und Geliebten Mussolinis Margherita Sarfatti (1880-1961) befördert wurde. Nicht zuletzt finden sich hier auch Werke der antifaschistisch ausgerichteten „Scuola romana“ und der Künstlerin Antonietta Raphaël Mafai (1895-1975).

 

Frauen des 20. Jahrhunderts

Joyce Lussu, 1929

Kirchliche Borniertheit und die Rückständigkeit der bäuerlichen Gesellschaft verhinderten lange eine weibliche Emanzipation.

Und doch finden sich vielleicht gerade deshalb hier Protagonistinnen, die Geschichte schrieben, wie Maria Montessori (1870-1952), wie Sibilla Aleramo (1876-1960), den westdeutschen Feministinnen bekannt durch ihren Klassiker Una Donna“, wie Joyce Lussu (1912-1998), Partisanin, Feministin und linke Schriftstellerin der Nachkriegszeit oder wie Anna Bei, die als „fenicottero al volo“, als fliegender Flamigo illegal aus dem Exil in das faschistisch regierte Italien einreiste, um den Kontakt zum Widerstand aufzunehmen.

Abseits gängiger Wege –

es erwarten euch die Geschichte des italienischen Antifaschismus, moderne Kunst, viel Ruhe und viele Einsichten in den italienischen Alltag.

Lesetipp

Über den faschistischen Kolonialkrieg in Äthiopien hat die Autorin Francesca Melandri einen ausgezeichneten (Familien-)Roman geschrieben, der 2018 in deutscher Übersetzung erschien:

Alle außer mir.

Musiktipp

Die Musikband Sambene aus den Marken hat die CD Sentieri Partigiani, auf den Spuren der Partisanen, herausgegeben, auf der insbesondere das Lied Il vento della Memoria Bezug nimmt zu den Ereignissen der deutschen Besatzung in den Marken. Höhrenswert!

 


Das „Gasthaus zum Stachelschwein“

Untergebracht sind die TeilnehmerInnen in der „Locanda dell’Istrice“, dem „Gasthaus zum Stachelschwein“. Es ist ein liebevoll restauriertes altes Steinhaus, einst das Gebäude des Kastellans, der die mächtige Burg Rocca d’Ajello oberhalb des Hauses zu verwalten hatte. Alle Appartements haben jeweils eine kleine, eigene Terrasse mit fantastischen Panoramablicken in die umgebende Landschaft.

Die Locanda liegt auf einem Hügel gegenüber der kleinen „Hauptstadt der Renaissance“ Camerino, einst bedeutendes Herzogtum und noch heute Universitätsstädtchen mit Wurzeln bis ins 14. Jahrhundert.

 

Kulturgeschichte schmackhaft gemacht

Wir wollen, dass Euch Eure Bildungsreise schmeckt!

Nach einem ereignisreichen Tag zwischen Kunst und Natur erwartet Euch abends in der Locanda in familiärer Atmosphäre ein mehrgängiges, landestypisches Menü. Der hier gebürtige Küchenchef verwendet vorrangig Produkte, Kräuter und Zutaten aus dem Gebiet um Macerata, der Provinzhauptstadt. Diego verfeinert heimische Gerichte mit seinen eigenen Kreationen, die sich an der lokalen Tradition orientieren, während Hausherrin und „Zuckerbäckerin“ Beate Euch den Abend mit selbstgemachten Leckereien versüßt.

www.locandadellistrice.it

Lesetipp:

Die Geschichte der italienischen Kolonialherrschaft in Äthiopien und der Folgen nach 1945 schildert die Autorin Francesca Melandri meisterhaft in ihrem 2018 erschienen (Familien-)Roman: Alle außer mir.

Musiktipp

Die Musikband Sambene aus den Marken hat die CD Sentieri Partigiani, auf den Spuren der Partisanen herausgegeben, auf der insbesondere das Lied Il vento della Memoria Bezug nimmt zu den Ereignissen der deutschen Besatzung in den Marken.


Leistungen

6 x Übernachtungen mit Frühstück und mehrgängigem Abendmenü in der Locanda, tägliche Busfahrten (Kleinbusmit Fahrer) zu den Ausflugszielen sowie sämtliche Eintritte in Museen, Pinakotheken und Kirchen mit inhaltlichen Führungen. Die Gespräche mit Einheimischen und ExpertInnen werden übersetzt.


Zur Person der Reiseleitung

Nadja Bennewitz, Historikerin M.A.

Aufgewachsen in Italien (Mailand), abgeschlossenes Magisterstudium der Neueren und Mittleren Geschichte und Italoromanischen Philologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Seit 1996 Tätigkeit als selbständige Historikerin mit den Arbeitsschwerpunkten auf historischer Frauen- und Geschlechterforschung.

2004/05 Forschungsjahr in Venedig, seitdem Bildungsseminare in Venedig, der Region Marken und in Rom zur italienischen Geschichte. Mitarbeiterin von www.resistenza.de

Seit 2007 wissenschaftliche Angestellte am Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Zuletzt veröffentlicht: „Gender in Geschichtsdidaktik und Geschichtsunterricht. Neue Beiträge zu Theorie und Praxis“ (2016).